#huaweiterdenken

Digitale Rettung für die Pflege

Von der digitalen Patientenakte bis zur smarten Medikamentenbox: Wie Patienten und Pflegepersonal, Ärzte und Angehörige von der Digitalisierung profitieren.

Ein sonniges Plätzchen und ein gutes Buch: Mehr braucht Tina nicht zum Entspannen. Während es sich die 70-Jährige im Korbsessel auf dem Balkon bequem macht, köchelt in der Küche der Eintopf fürs Abendessen. Überkochen? Anbrennen? Selbst, wenn Tina kurz einnicken würde, bestünde keine Gefahr. Denn James, Tina’s virtueller Butler, hat die Haustechnik von Küche bis Heizung im Griff. In einem schicken Armreif trägt sie ihren digitalen Helfer immer bei sich. James kümmert sich um ihre Sicherheit, erinnert sie an Termine im Fitnesstudio und beim Friseur, richtet  Videochats mit ihrer Tochter ein und sucht die günstigste Reiseroute für ihren Urlaub auf Sardinien aus.

Entlastung durch digitale Tools

Tina und ihr Butler“ sind keine realen Personen, sondern eine Zukunftsversion, entstanden im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Die rüstige Rentnerin und ihr smarter Assistent sind Figuren aus einem von zwölf Zukunftsszenarios, die der promovierte Psychologe Robert Gaßner zwischen 2002 und 2008 jeweils mit einem Team von Experten entwickelt hat. Ein Jahrzehnt später erscheint der beschriebene Alltag längst nicht mehr als weite entfernte Utopie. Denn schon heute entlasten zahlreiche digitale Lösungen Patienten und Pflegepersonal, Ärzte und Angehörige.

Dazu zählen digital gestützte Diagnose- oder Therapiemaßnahmen, die Einführung einer digitalen Patientenakte und so genannte Ambient Assisted Living Lösungen – also Services, die der Fürsorge des digitalen Butlers James ganz ähnlich sind. Sie helfen älteren, gesundheitlich beeinträchtigten Menschen, mit digitaler Unterstützung so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben.

 Offen für technische Unterstützung

Eine Entwicklung, die wie gerufen scheint – aus zwei Gründen: Zum einen steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland. Waren es laut Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes bis Ende 2015 rund drei Millionen Menschen, werden 2035 voraussichtlich vier Millionen alte Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen sein, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Gleichzeitig  ist es immer schwieriger, Menschen für Pflegeberufe zu begeistern. Außerdem schwinden Zahl und Bereitschaft von Angehörigen, sich um Pflegebedürftige in der eigenen Familie zu kümmern. Kurz: Auch wenn die flächendeckende Einführung der Patientenakte noch nicht geschafft ist, weil Datenschutz und Datensicherheit noch immer nicht gewährleistet sind, haben digitale Anwendungen gewaltiges Potenzial, Pflegende zu unterstützen und zu entlasten und das Leben von Pflegebedürftigen angenehmer zu machen.

Dass die Deutschen solchen technischen Hilfsmitteln durchaus offen gegenüber steht, zeigt eine Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) von April 2018: Zwei Drittel der Teilnehmer sehen in digitalen Techniken eher eine Chance als ein Problem. 84 Prozent halten sie für sinnvoll, um Pflegenden die Arbeit zu erleichtern und 74 Prozent glauben, pflegebedürftige Menschen könnten durch technische Unterstützungssysteme ein selbstbestimmteres Leben führen.

Notruf per intuitiver Sprache

Das Gros der Pflegebedürftigen wünscht sich, möglichst lange und selbständig in den vertrauten vier Wänden zu leben. Dies belegt eine repräsentative Studie der Marktforscher von Dialego unter 1.000 Teilnehmern zu den Wünschen von Senioren an Produkte und das Leben im Alter. Das Ziel: Pflegebedürftigen ein Leben zuhause ermöglichen. Zum Beispiel über eine Weiterentwicklung des bewährten Hausnotrufs, der auf Knopfdruck eine Telefonverbindung zur Notrufzentrale des Pflegedienstes aufbaut und Hilfe anfordert. Kann der Verunglückte sich nicht mehr bewegen, kann künftig ein intelligenter und intuitiv zu bedienender Sprachassistent Hilfe organisieren und parallel zum Beispiel die Angehörigen benachrichtigen. Oder mit Sensoren ausgestattete Matten melden, wenn eine Person aus dem Bett gestürzt ist.

Sensoren in der Matratze messen den Blutdruck

Ein solches System könnte auch erkennen, wenn die alltäglichen Abläufe nicht im sonst üblichen Rhythmus beginnen – etwa das Licht im Badezimmer einschalten, die Toilette spülen oder Kaffeemaschine und Radio starten. Um möglichst lange unabhängig zu bleiben, können Pflegebedürftige außerdem lernen, mit technischer Unterstützung selbst ihre Vitalwerte zu kontrollieren. Die smarte Medikamentenbox erinnert per Lautsprecher, wenn Medikamente eingenommen oder Blutdruck, Puls oder Blutzucker gemessen werden müssen. Oder erledigt die Messung gleich selbst, etwa über Sensoren in der Matratze. Die Werte speichert es automatisch und meldet sich nur, wenn ein Wert bedrohlich abweicht. Falls nötig, leitet es die abweichenden Messungen direkt an Angehörige, Hausarzt oder Pflegedienst weiter, die entweder persönlich beim Patienten vorbeischauen oder ihn anrufen, um mögliche weitere Schritte zu besprechen. Technik bietet die Chance, Pflegende zu entlasten, Prozesse zu vereinfachen und so mehr Zeit für die pflegebedürftigen Menschen zu haben und ihre Sicherheit zu erhöhen. „Unsere Befragung zeigt, dass die meisten Menschen digitale Hilfsmittel in der Pflege nicht ablehnen“, sagt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der gemeinnützigen Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege.

Noch einen Schritt weiter gehen das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrtzentrum (DLR) und die Caritas. Bereits in diesem Jahr sollen Pflegeroboter in einem Seniorenheim in Garmisch-Partenkirchen die Arbeit aufnehmen. Justin und Edan werden dann Menschen wie Tina Getränke reichen, ihre  Medikamentenschachtel überbringen und das Bett aufschütteln.