Vermischtes

Interview: Digitalisierung läutet neues textiles Zeitalter ein

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands textil + mode, beschreibt die Einflüsse der Digitalisierung auf ihre Branche. Für den deutschen Wirtschaftsstandort fordert sie gut ausgebaute Datenautobahnen.

offenblen.de/ Devaki Knowles

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands textil + mode. Bild: offenblen.de/ Devaki Knowles

Welchen Stellenwert nimmt die deutsche Textil- und Modebranche auf dem internationalen Markt ein?
Deutschland ist mit starkem Design und intelligenten Produkten überall auf der Welt präsent. Im Bereich der technischen Textilien ist Deutschland sogar Weltmarktführer. 1400 zumeist mittelständische Betriebe mit über 135.000 Beschäftigten erwirtschaften in Deutschland einen Umsatz von jährlich rund 35 Milliarden Euro. Ob Wohnen, Kleiden, Autofahren, Fliegen oder in der Medizin: Textil formt die moderne Welt, inzwischen auch im Leichtbau aus textilen Fasern.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Mittelstands-­Kompetenzzentrum für Digitalisierung und dem ­Showroom „Digitalisierung zum Anfassen“ in Berlin?
Wir wollen unsere Mitglieder fit machen für den digitalen Wandel. Obwohl der Innovationsstand unserer Branche bereits hoch ist, müssen die Unternehmen die digitalen Möglichkeiten noch stärker erschließen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Dazu bieten wir Informations-möglichkeiten in Berlin an und kommen auch dorthin, wo die deutsche Textilindustrie in den Bundesländern zu Hause ist.

Eine Stickmaschine ist eines der Highlights.
Die Stickmaschine veranschaulicht die Potenziale der Vernetzung. Durch diese können kundenindividuelle Produkte schnell und flexibel gefertigt werden. Gleichzeitig werden am Exponat die Schwerpunkte unseres Kompetenz­zentrums – digitales Engineering, vernetzte Produktion, Einsatz von Assistenzsystemen und smarte Sensortechnik – demonstriert. Wir nehmen Sie mit unserer Maschine quasi mit in den Maschinenraum des 21. Jahrhunderts.

Wie verändert die digitale Vernetzung Ihre Branche?
Wir stehen vor der nächsten großen Zeitenwende in der textilen Produktion. Wenn es rentabel wird, etwa durch 3-D-Druck dem Kunden ein ganz individuelles Produkt auf
den Leib zu schneidern oder an den Fuß anzupassen, dann ist das mehr als technische Spielerei für ein paar Freaks, dann wird die sogenannte Losgröße 1 rentabel. Digitalisierung läutet ein neues textiles Zeitalter ein.

Wie schätzen Sie den aktuellen Digitalisierungsprozess Ihrer Branche ein?
Unsere kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) beschäftigen die ganz allgemeinen Probleme. Das beginnt beim papierlosen Büro und setzt sich bei der Modernisierung der Maschinen fort. Ganz wichtig ist aber auch Fort- und Weiterbildung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deshalb steht auch das Thema Arbeit 4.0 in unserem Kompetenzzentrum mit im Vordergrund.

Für den reibungslosen Betrieb sind zuverlässige Datennetze erforderlich. Wie sehen Sie Deutschland in diesem Bereich aufgestellt?
In Großstädten sind die Datennetze mittlerweile gut ausgebaut. Das sieht in kleineren Städten oder in ländlichen Regionen leider anders aus, und genau dort haben viele Textil- und Bekleidungsfirmen ihre Unternehmen. Unsere Branche hat daher ein großes Interesse an einem zügigen Ausbau der Infrastruktur. Das umfasst alle Unternehmensbereiche, aber auch die Vernetzung von Produktion und Vertrieb. Außenmitarbeiter müssen auf einen Klick abrufen können, wie der Stand der Bestellung gerade ist. Das klingt zwar selbstverständlich, ist aber bei Weitem nicht überall gegeben.

Was wünschen Sie sich von der Politik und den Netzbetreibern?
Uns wird der Sprung in eine vernetzte volldigitale Produktion nur gelingen, wenn die digitalen Autobahnen stehen und auch befahrbar sind. Was nutzen uns all unsere digitalen Produktinnovationen, wenn wir an einer entscheidenden Stelle, den Netzen, auf der Straße liegen bleiben? Neben den immer steigenden Energiepreisen in Deutschland ist das für unseren Industriezweig einer der wichtigsten Standortfaktoren, wenn wir auch in Zukunft international wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Die Textilbranche produziert aus Personalkostengründen vielfach im Ausland. Sind durch die zunehmende Digitalisierung Produktionsverlagerungen nach Deutschland zu erwarten?
Adidas hat ja schon an einem deutschen Standort eine Speedfactory aufgemacht. Ich bin mir sicher, dass die Digitalisierung den Wirtschaftsstandort Deutschland noch attraktiver machen wird. Wir stehen beim Thema Robotik noch ganz am Anfang. Wir werden neue Berufsbilder und Arbeitsplätze dazugewinnen, auch durch Produktionsrückverlagerungen. Bei technischen Textilien findet die Produktion teilweise schon komplett bei uns in Deutschland statt.

Dieser Artikel erschien im Einblick Politikbrief, Ausgabe 01/2018: Download Politikbrief 01/2018