Digitale Infrastruktur

Interview: Geschäftsmodelle neu denken

Die Einführung von 5G bietet den Mobilfunknetzbetreibern große wirtschaftliche Chancen, stellt sie aber auch vor immense Herausforderungen. Markus Laqua, Partner bei der Unternehmensberatung BearingPoint, über Wandel und Wertschöpfungsmöglichkeiten der Branche

BearingPoint, IKbit

Michael Laqua. Bild: BearingPoint, IKbit

Welche Herausforderungen stellen sich den Netzbetreibern beim Thema 5G?
5G ist primär eine Technologie für neue Services, die bei den Netzbetreibern zu den noch sehr unterentwickelten ­Geschäftsbereichen zählen. Neben der Finanzierung von Investitionen in bislang unbekannter Höhe müssen die Netzbetreiber daher Kernprozesse der Industrie verstehen lernen. Denn durch Einführung von 5G werden sich die ­Bedürfnisse vieler Branchen grundlegend ändern.

In welcher Höhe werden sich die Investitionen bewegen?
Zur Größenordnung der Investitionen gibt es Aussagen einzelner Netzbetreiber. Wir denken, dass die Einschätzungen über Kosten von einer halben Billion Euro allein für Europa durchaus valide sind und auf lange Sicht auch höher ausfallen können.

Welche Chancen können sich für die Netzbetreiber aus 5G ergeben?
Die Chancen für die Netzbetreiber können enorm hoch sein. Dafür müssen sie allerdings auch bereit sein, sich für neue Geschäftsmodelle und vor allem für eine Vertikalisierung zu öffnen. In fünf bis zehn Jahren wird ein Telekommunikationsunternehmen vermutlich nicht mehr viel mit einem heutigen gemein haben.

Welche Voraussetzungen müssen die Netzbetreiber erfüllen, um ihre Chancen ausschöpfen zu können?
Um im Geschäft mit vertikalen Industrien erfolgreich zu sein, müssen eine ganze Anzahl von Weichen gestellt werden. Es muss spezifisches Know-how ins Unternehmen gebracht werden, und man muss in die Wertschöpfungstiefe der vertikalen Branchen eintauchen und sein Operating Model entsprechend umbauen. Nicht zuletzt werden Entscheidungen gefragt sein, auf welche vertikalen Geschäftsbereiche man sich fokussieren möchte – ohne sinnvolle Auswahl werden die Investitionen nicht zu stemmen sein. Ein sehr wesentlicher Teil der neuen Wertschöpfung im Umfeld von 5G und Internet of Things kommt aus dem B2B- beziehungsweise dem B2B2X-Geschäft.

Welche Erkenntnisse ergeben sich aus Ihrer Studie „Wie die Lücke zu 5G-basierten Geschäftsmodellen überbrückt werden kann“?
Die Mobilfunknetzbetreiber sehen sich seit Jahren einem Trend stagnierender Umsätze und rückläufiger Margen ausgesetzt. Daran hat auch die Einführung von 4G und die damit verbundene signifikante Erhöhung von Bandbreite und Übertragungsgeschwindigkeit nichts geändert.

Welche Gründe gibt es für die stagnierenden Umsätze?
Das liegt vor allem an der zunehmenden Kommodifizierung des auf Konnektivität fokussierten Geschäftsmodells der Netzbetreiber. Die heutigen kommerziellen Modelle unterscheiden sich nur unwesentlich von den Modellen vor zwanzig Jahren. Symptomatisch dafür sind die Subventionierung von Endgeräten und eine ständige Flut von Kampagnen und Rabatten.

Welchen Weg müssen die Netzbetreiber einschlagen, um ihre Ertragskraft zu steigern?
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für 5G-basierte Geschäftsmodelle ist ein Angebot innovativer Dienste, die den Kunden einen tatsächlichen Mehrwert bieten. Nur so können sich die Netzbetreiber im zunehmend disruptiven Wettbewerb differenzieren. Das heißt, die Netzbetreiber müssen die Fähigkeit haben, in Lösungen für den Kunden zu denken, und sich nicht nur auf Konnektivität beschränken.

Und wenn sie diesen Wandel nicht vollziehen?
Der finanzwirtschaftliche Spielraum angesichts der notwendigen Investitionen wäre sehr klein, vor allem im Wettbewerb mit Hightech- und Plattform­anbietern, die finanziell wesentlich besser aufgestellt sind.

Welche Rolle spielt die Frequenzauktion?
Die Auktion ist vor dem Hintergrund der Rechtssicherheit die einzig sinnvolle Alternative für die Vergabe von Lizenzen.


Netzbetreiber rechnen in Europa mit einer Investitionshöhe von rund 500 Milliarden Euro


Dieser Artikel erschien im Einblick Politikbrief, Ausgabe 01/2018: Download Politikbrief 01/2018